Vertreibung aus dem Paradies durch die geplante .XXX Top Level Domain? | WEBeLINE

Vertreibung aus dem Paradies durch die geplante .XXX Top Level Domain?

29.01.2011

„Eine Ghettoisierung der Adult-Industrie“

Mit einer endgültige Entscheidung der ICANN (Internet Corporation for Assigned Names and Numbers) darüber, ob mit .XXX eine Top Level Domain speziell für erotische, sexuelle und pornographische Inhalte erschaffen werden soll, ist vor Sommer 2011 nicht zu rechnen. Wer aber die Diskussion um das Pro und Contra der Einführung der .XXX TLD verfolgt, könnte aber den Eindruck gewinnen, dass die ICANN dem Vorhaben von ICM Registry, eine Top Level Domain rein für das Adult Entertainment zu etablieren, wohl gesonnen scheint. Die Gegner der .XXX TLD haben aber noch lange nicht aufgegeben, die öffentliche Meinung sowie natürlich die Adult Entertainment Industrie selbst über die aus ihrer Sicht möglichen Nachteile der neuen Top Level Domain zu informieren. Die WEBeLINE thematisiert das Pro und Contra und lässt Branchenteilnehmer zu Wort kommen.

Die Fragen:

1.) Was halten Sie von der Idee, eine allein für die Adult Entertainment Industrie zu nutzende Top Level Domain einzuführen?

2.) Welche Vorteile für Anbieter auf der einen Seite und Konsumenten auf der anderen Seite hätte eine Einführung der .XXX TLD?

3.) Welche Nachteile könnten für Anbieter und für Konsumenten entstehen?

4.) Angenommen, die neue TLD wird eingeführt, wie würde sie den Online-Markt verändern?

 

Andreas Hoogendijk
Digital Performance GmbH

1. Das ist ein aktuell großes und breit diskutiertes Thema. Die Idee finden wir von Flirtfair.de prinzipiell sehr gut, allerdings muss eindeutig klar sein, welche Seiten als Adult eingestuft werden und welche nicht.

2. Die Vorteile beider Gruppen liegen auf der Hand. Webseiten mit erotischem Inhalt können einfach und schnell durch Konsumenten gefunden werden. Das erleichtert zum Einen die Suche, zum Anderen natürlich auch die Vermarktung der Seiten. Hier gilt dann natürlich, wer eine attraktive Domain bzw. Website besitzt, ist klar im Vorteil.

3. Natürlich können .xxx Webseiten nicht nur von Konsumenten schneller und einfacher gefunden werden, sondern natürlich auch von offizieller Seite. Dies birgt Nachteile vor allem in der Zensur. Dass eine Zensur und anschließende Sperrung von Webinhalten dadurch erleichtert wird, bleibt abzuwarten, ist aber sehr wahrscheinlich.

4. Große Anbieter werden voraussichtlich schnell zur neuen TLD wechseln, ob alle übrigen Anbieter nachziehen ist fraglich. Die Veränderung besteht eher in der Wahrnehmung, das heißt, .xxx Webseiten bieten eine höhere Transparenz für Konsumenten zur Unterscheidung von Adult und Non-Adult Content.

Haye Hösel
Internet-Beratung / -Programmierung

1. Eine zusätzliche TLD kann nicht schaden, wird aber auch nicht sonderlich viel Neues bringen. Die Preise für diese TLD werden vermutlich saftig sein. Wer sie nutzen möchte - sowohl Anbieter als auch User - kann dies tun. In diesem Falle weiß auf jeden Fall jeder, worauf er sich einlässt und was ihn erwartet. Eine größere Vielfalt an Anbietern wird es dadurch nicht geben. Um die Type-in-Domainnamen wird es sicherlich wieder ein großes Rennen / großen Andrang geben, so dass die beliebten Namen innerhalb von Sekunden vergriffen sein werden.

2. Wie schon gesagt, jeder weiß durch die TLD .xxx was ihn erwartet. Es wird also für beide Seiten keine Überraschungen geben. Für den Jugendschutz ist eine solche Domain natürlich ideal, weil automatisch alle Domains dieser TLD ausgefiltert werden können. Man darf aber nicht vergessen, dass es weiterhin auch auf anderen TLD erotische und pornografische Angebote geben wird. So stellt sich die Frage, ob es wirklich etwas für den Jugendschutz bringt.

3. Der einzige Nachteil, der deutlich ist, ergibt sich durch die Eingrenzung (oder sollte ich Ausgrenzung sagen?). Dadurch ist der Weg zur Zensur sicherlich nicht weit.

4. Solange nicht alle erotischen und pornografischen Angebote zur Nutzung der .xxx TLD gezwungen werden, wird sich nicht viel ändern. Es wird lediglich einen weiteren Namensraum für erotische Angebote geben. Manche User werden vielleicht genau in diesem Namensraum gezielt Type-in-Domains aufrufen, wodurch der jeweilige Anbieter einen Vorteil hat. Aber was soll sonst passieren...?

Thommy Oliver
Momo-Net GmbH

1. Hätte man das von Beginn an so gemacht – und HÄTTE man das dann auch konsequent für Jugendschutzfilterung verwendet, dann wäre das wahrscheinlich nicht mal eine so schlechte Idee gewesen. Das Ganze heute einführen zu wollen und die Vergabekriterien auch noch vollends in die Hände einer privaten Firma zu legen, die Nicken oder Kopfschütteln kann wann immer sie will, ist eine Farce, pure Geldschneiderei und stinkt so derbe nach Korruption und Vetternwirtschaft, dass es zum Himmel stinkt.

2. Absolut keine, denn es kann sich ja keiner dran halten, weil es die verschiedenen Keyworddomains ja schon in den unterschiedlichsten Ausführungen gibt. Ich denke kaum, dass die Inhaber von porno.com, porno.net, porno.org usw. bereit sind, am Pokertisch auszukarten, wem dann die entsprechende XXX gehören würde (Zumal die Vorerwerbsrechte dazu ja schon ins Blaue hinein verkauft wurden und wahrscheinlich ein hauseigener Domainhändler seit Urzeiten über die Rechte an der entsprechenden XXX-Domain verfügt).
Man muss sich hier mal vorstellen, dass es bei den XXX-Domains weder eine Vergabe- noch eine Verlängerungs- und schon gar keine Preisgarantie gibt.

3. Für die Anbieter wird es nur zusätzliche Kosten geben und die nicht zu knapp. Ob Google die Domainendung als vollwertig anerkennen wird oder ob hier ähnliche Listungskriterien entstehen, wie bei der Vergabe der .travel-Domains (die im Index gar nicht zu finden sind,), muss sich noch zeigen. Ich denke jedoch nicht, dass Tante G. da mitmacht, denn der grösste Dorn im Auge eines Monopolisten ist ein anderer Monopolist.

4. Gar nicht, außer dass es noch ein bisschen mehr Verwirrung gibt und mal wieder jemand mit dem Verkauf von Kaisers neuen Kleidern unheimlich reich wird. Man kann die Pornodomains damit gar nicht konzentrieren, weil es einfach viel zu viele Gleichnamige davon gibt. Darüber hinaus wäre es ein leichtes, ein solches „Regularium“ zu unterlaufen, was die ganze Idee als solches reif für den Ideenschredder macht.

Thomas Meyer
BERLINintim Marketing GmbH

1. Nicht sehr viel. Wozu auch? Als wir vor gut zehn Jahren nur .de, .com, .net und .org-Domains registrieren konnten, hätte es wohl Sinn gemacht. Jetzt ist xxx nur eine weitere TLD mit zweifelhaftem Nutzen. Wenn man jetzt alle Adult-Seiten in xxx pressen will, käme das allerdings einem Zurückbomben in die Steinzeit gleich.

2. Ich sehe derzeit keine, außer dass wieder ein paar gute Namen frei werden und Registrare sich die Taschen füllen.

3. Wer mit seiner Domain durch ein jahrelanges Marketing einen guten Namen aufgebaut hat, muss nun zusehen, dass er sich auch die xxx TLD sichert. Aber das bedeutet auch, dass man da wieder bei NULL anfängt. Nun hätten die Regierungen der Welt die Möglichkeit, Erotikangebote exklusiv auf xxx zu verweisen. Eine Ghettoisierung der Adult-Industrie. Das macht doch keiner freiwillig mit. Und der Konsument ist verwirrt. Vielleicht muss er dann noch beantragen, auf xxx-Seiten surfen zu dürfen. Weiterhin habe ich oftmals gesehen, dass in Beschreibungen und Artikeln für Verbraucher xxx fiktive als Variable für Domains eingesetzt wurde. Jetzt erklären wir den Usern, dass xxx nicht durch .de, .com, .ne, .me, .biz, .info…… zu ersetzen ist, sondern xxx jetzt xxx ist.

4. Im schlimmsten Falle werden alle xxx-Domains mittelfristig für Adultangebote Pflicht und der Aufruf einer xxx-Domain ist irgendwie reglementiert. Einfachste Jugendschutzfilter reagieren dann nur noch auf die TLD. Markenanwälte werden eine Menge zu tun bekommen, denn wer pussy.com hat, will ja auch pussy.xxx nicht kampflos aufgeben. Das Minimalszenario: xxx wird einfach eine weitere von x-TLDs und findet kaum Bedeutung. Aber da meine Glaskugel gerade kaputt ist, kann ich nur raten: xxx-vormerken und Tee trinken. .mobi hat die Welt ja auch nicht radikal verändert.

Christoph Hermes
Pink Adventure AG

1. Nun ja, die Frage stellt sich, ob dies noch sinnvoll ist. Ich denke bei den meisten Kunden haben sich die Länderkennung oder eben die „.com“ Domain eingeprägt. Grundsätzlich halte ich die Idee nicht für überflüssig, jedoch haben bereits andere TLD gezeigt, dass sie sich nicht so durchgesetzt haben wie erhofft, exemplarisch sei hier „.info“ oder auch „.mobi“ genannt. Mir gefällt der Gedanke der Kategorisierung nicht. Schließlich ist ja auch keine TLD für bspw. Sport oder Musik geplant.

2. Mir sind die Vorteile für den Konsumenten und auch für uns als Anbieter noch nicht transparent und ersichtlich genug. Mag sein, dass dann sofort über die Endung die Zugehörigkeit eines Angebotes zur Erotik gegeben ist, aber ist das ein Vorteil? Wenn gezielt nach Angeboten gesucht wird, könnte es diesen Vorgang vereinfachen und sicherlich ist es hier und da von Vorteil schon über die Endung zu zeigen: Ja dieser Inhalt ist erotisch.

3. Nun die Sperrung von Inhalten ist sicherlich schneller erledigt, d.h. bspw. Provider könnten Seiten einfacher sperren Das Angebot könnte Einschränkungen haben, da es bspw. nur einmal porn.xxx gibt. Der Traffic auf bisherigen Domains wird sich verändern. Neue Seiten werden entstehen und sofern nicht sichergestellt ist, dass Inhaber bestimmter Seiten auch die .xxx Domain zugeteilt bekommen, weil sie sozusagen die älteren Rechte etc. haben, kommt es zu Streitigkeiten.

4. Ich denke zunächst gar nicht und stelle zur Diskussion, ob überhaupt. Es sei denn, dass alle anderen Domains zwangsläufig abgestellt werden, was wohl sicherlich nicht der Fall sein wird.

 

Gabriel Schmidt
babett.com

1. Nichts und ich finde es absolut affig, denn es gibt schon genug TLDs die nur keiner oder nur wenige nutzen!! So was ist in meinen Augen nur ein Profitcenter des Initiators, denn allein in der Sunriseperiode wird er zigtausende Domains an Markeninhaber verkaufen, die quasi gezwungen werden, ihren Markennamen als .xxx teuer zu kaufen, damit später nicht unter hanuta.xxx oder haribo.xxx irgendeine Schmuddelseite auftaucht. Ausserdem wird sich aufgrund des internationalen Marktes und die Angst der Anbieter, dass einige Länder oder Suchmaschinen die .xxx dann einfach aussperren könnten, niemand daran halten nur noch dort seine Inhalte auszustellen. Sollte es allerdings in einigen Ländern zum Gesetz werden, dass Erotik nur noch unter .xxx zu publizieren ist, gibt es für alle Anbieter genug alternative Länder, um das Geschäft in gewohnter Weise unter den üblichen TLD weiter zu betreiben.

2. Ich sehe keine!!

3. Sollte das Wunder geschehen, dass alle Anbieter ihre Inhalte nur noch unter .xxx publizieren, wäre es ein Einfaches für Suchmaschinen und Regierungen, die Erotik in ihrem Hoheitsgebiet auszusperren. Anbieter würden dann in diesem Gebiet kein Geld verdienen und oder überhaupt gefunden werden, User würde ihren Lieblingspornostar nicht mehr finden oder ein Stoppschild seitens des Zugangsproviders zu sehen bekommen.

4. Es wird sich nichts verändern, weil es nur wenige Anbieter nutzen werden. Eines wird sich ändern und das ist sicher: der Initiator von .xxx wird noch mehr finanzielle Luft bekommen, um sich den nächsten Streich auszudenken, vielleicht führt er dann .xy für Sicherheitsfirmen oder .gay für homosexuelle Inhalte ein.

 

Die kompletten Antworten des Focus Themas lesen Sie in der Print-Ausgabe der WEBeLINE 01/11

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